Das ganze Jahr hatte ich mich genau auf diesem Tag vorbereitet, alles andere in den Hintergrund gestellt.Mein ganzer Focus lag 1 Jahr lang nur auf diesem Tag.

Verrückt, oder?

Die vergangenen Monate zehrten ganz schön an meinen Nerven.

Ich war total angespannt und meine Gedanken kreisten nur um den 01.09. – Tag des Ötztaler Radmarathons. Für Carmen war ich sicher total unausstehlich. Nach dem Erfolg beim Arlberg-Giro und dem Pech beim Highländer Radmarathon, war ich total verunsichert, wo ich stehe.

Also musste ich, 2 Wochen vor dem Ötztaler, noch ins Trainingslager nach Sölden. Ich brauchte die Gewissheit, ob die Form stimmt. Die Generalprobe. Die ganze Runde, wie im Rennen, abzufahren und am Schluss zu sehen, ob es möglich ist zu gewinnen.

Gesagt, getan. Es lief besser als erwartet.

Ich konnte in einer Zeit von 07:01 die ganze Runde fahren. Na ja, ich gebe zu, ich habe geschummelt – Ich bin die Strecke von Sölden nach Ötz und den ganzen Brenner hinter dem Auto im Windschatten gefahren. Das wäre als, ob ich mich in einer Gruppe versteckt hätte, aber im Rennen war es ja dann so.

Am Ende war ich zufrieden und beruhigt, ABER ich spürte ein kleines Ziehen im Knie.
Leider wurde das in den nächsten Tagen noch schlimmer, am Sonntag konnte ich kaum mehr laufen. Es hatte sich die Oberschenkel-Sehne am linken Bein verklebt. Grund: Fehlende Gelenkschmierung, weil ich zu dünn war. Ich hatte extra nochmal 2 kg abgenommen und jetzt so etwas.

Gott sei Dank konnte mein Physiotherapeut Martin Hämmerle alles wieder hinbiegen.
Jetzt sollte eigentlich einem guten Rennen nichts mehr im Wege stehen. Alles war perfekt. Die Form, das Rad (5,71 kg mit allem), das Gewicht, das Wetter. Alles super.
Am Samstag war ich sehr gut gelaunt. Ich habe so viele nette Leute im Expo-Bereich getroffen, es war einfach toll.

Man konnte die Vorfreude von allen spüren. Jeder hatte sich auf diesen Tag penibel vorbereitet. Na ja, auf jeden Fall hieß es für uns alle früh ins Bett gehen, denn wir mussten ja alle um 4:30 Uhr raus. Denn um 6:45 Uhr war ja der Startschuss.

Nach dem Startschuss ging es von Sölden bis nach Ötz. Es lief eigentlich so entspannt wie noch nie, die Pacemaker machten ein gutes Tempo. So war die Fahrt schon fast entspannt. In Ötz angekommen, entledigte ich mich meiner Jacke und Ärmlinge, denn in den ersten Metern des Anstiegs hoch zum Kühtai wurde ein äußerst langsames Tempo angeschlagen.
Keiner wollte sich zu diesem Zeitpunkt angreifen. So fuhren wir dann schön langsam hoch.

Kurz vor dem Stausee kam dann die Attacke von Johnny Hoogerland. Daniel Pechtl meinte, den könne ich schon mal von meiner Liste streichen. Trotzdem wollte ich ihm nicht zu viel Raum geben und versuchte den Abstand so gering wie möglich zu halten. So konnte ich Johnny im Auge behalten, was sich im Nachhinein als Gold richtig herausstellen sollte.

Oben angekommen attackierten die „Sporthütte“-Jungs, Thomas Gschnitzer, Daniel Pechtl und Hannes Kapeller direkt in die Abfahrt hinein, volles Karacho. Ich versuchte alles, um dranzubleiben, aber sie konnten bereits 40 m zwischen uns bringen. Mit Dominik Schickmair und 2 Italiener starteten wir die Aufholjagd zu den Sporthütte-Jungs. Zeit zum Umdrehen hatte ich nicht, so hatte ich keine Ahnung was hinter uns passierte.

Wir knallten mit 120 km/h das Kühtai runter, ungebremst holten wir in der Hälfte der Abfahrt die „Sporthütte“-Jungs ein. 1 Minute später schnappten wir uns Johnny Hoogerland und seine 2 Jungs. – anstatt jetzt rauszunehmen, knallten wir voll weiter.
Unten in Kematen merkten wir, dass wir nur noch 12 Jungs waren. Keine weiteren Favoriten in der Gruppe. –

„Scheiße, das ist zu früh“, dachte ich mir nur. Daniel Pechtl fragt mich: „Mathias, fährst du mit?“. Ich: „Ja logisch, wenn alle mitführen.“ Für mich als Titelverteidiger war das ein Segen, denn ich musste nur mitführen. In der hinteren Gruppe müsste ich jede Attacke parieren ohne, dass mir jemand hilft.

Also sprang ich gleich mal in Führung und versuchte den Abstand zur hinteren Gruppe zu halten. Als nächstes riefen wir den Rennleiter her und fragten, wie viele Minuten zwischen den Gruppen lagen. „2 Minuten“, sagte er. Ein Freudenschwall ging durch die ganze Gruppe. Ich sprach kurz mit jedem, motivierte die Jungs ein bisschen und sagte: „Hinten muss Alban Lakata die ganze Arbeit machen, die 2 Minuten können wir halten.“

Gesagt, getan. Wir schafften es die 2 Minuten über den kompletten Brenner zu halten.
Danke nochmal an alle aus der Gruppe. Am Einstieg zum Jaufenpass erhöhte ich das Tempo und sprengte die Gruppe. Das tat mir wirklich leid, aber nun musste ich schauen, dass die anderen mich nicht mehr einholen. Thomas Gschnitzer wünschte mir noch Glück und ich solle mir den Titel holen. Danke Thomas.

Ich drehte auf – 300 Watt konstant – nur noch Mattia De Marchi konnte mir folgen.
Den ganzen Jaufenpass fuhr ich von vorne. Ich wollte einen großen Abstand zwischen mich und Alban Lakata bringen. Der Rennleiter fuhr neben uns und sagte: „Ihr liegt weit vorne, die holen euch nie mehr ein.“ Ich fragte: „Wie viel genau? Könntest du bitte den Abstand zur Verfolgergruppe und zur zweiten Gruppe messen?“
Nach gefühlter Ewigkeit kommt er wieder zu uns. „2:30 Minuten zur Verfolgergruppe und 4 Minuten zur Gruppe von Alban.“

Wir freuten uns und wurden von Euphorie erfasst.
Ich versuchte nicht zu überdrehen, vergaß aber zu trinken – das wird sich noch rächen.
Der Jaufenpass lief wie geschnitten Brot. Oben angekommen verpflegten wir uns und stürzten uns in die Abfahrt. Im Nachhinein kann ich sagen, das war eine der besten Abfahrten meines Lebens. Immer am Limit aber maximal kontrolliert und sehr schnell.

Mit tosendem Applaus wurden wir in St. Leonhard in Empfang genommen. Wir verschenkten keine Zeit und frästen ins Timmelsjoch. Nun verlangte ich Führungsarbeit auch von De Marchi. Und die machte er, Vollgas, fast zu schnell und da rächte sich das wenige trinken am Jaufenpass. „Fuck, der wird mich nun töten“, dachte ich mir. Ich drückte mir meine 3 Notgels alle auf einmal rein. Ab Mitte Timmelsjoch fühlte ich mich besser (ähhhh, weniger tot).

Moos zog an uns vorbei. Noch waren wir in Führung, aber wie viel? Der Rennleiter meinte:  „4 Minuten.“ – Super, wir fuhren weiter und schauten nicht zurück.
Der Blick auf den Wattmesser verspracht jedoch nichts Gutes und machte mich nervös. Er zeigt 30 Watt weniger als letztes Jahr an, aber es tat schon gut weh – Kacke. Die Gruppe kam immer näher.
De Marchi fuhr super gut und tat mir richtig weh. 2 Mal reiße ich fast ab. „Scheiße, jetzt habe ich zu viel riskiert. Ich Trottel. Hätte ich ihn doch am Jaufenpass auch mal führen lassen“, dachte ich mir.
Das Flachstück am Timmelsjoch kam. – noch 7,5 km bis oben.

Nun schwächelte De Marchi. – „Geil, er ist auch nur ein Mensch.“ Wir fragten den Rennleiter auf dem Motorad nach unserem Vorsprung. Seine Antwort: „1 km“. – man konnte hören, wie wir zerbrachen. Blieben fast stehen, wir konnten es nicht glauben. Die ganze Arbeit umsonst. Wir hörten die Hupe des Rennleiterautos hinter uns. Sie waren da. Wir fuhren zur Seite und gaben auf. Zumindest hatten wir es probiert.

De Marchi und ich sahen uns an – Hoffnungslosigkeit.
Das Rennleiterauto fuhr neben uns, er schrie: „He Jungs, gebt´s Gas. Ihr hab 04:30 Minuten Vorsprung.“
„WAS? Der Rennleiter auf dem Motorrad hat gesagt, es sei nur 1 Kilometer. Bist du dir sicher?“, fragte ich ungläubig.
„NEIN, ihr habt 04:30 Minuten. Extra ausgemessen“, sagte der Rennleiter und deutet auf seine Stopp-Uhr.

De Marchi und ich, wir sahen uns an und gaben Vollgas.
Vom Rennleiter bekamen wir noch Gels und drehten dann voll auf. Wir fuhren, als ob der Teufel hinter uns her wäre, keiner von uns konnte noch zulegen, total am Anschlag. Endlich waren wir oben am Timmelsjoch, wir badeten in Schmerzen.
Aus dem Restaurant rannte Matthias Brändle auf mich zu und schrie: „Coach, hol dir das Ding.“

So es war an der Zeit alles auf eine Karte zu setzen.
De Marchi und ich waren genau gleich stark, aber im Sprint wäre er stärker, also musste ich versuchen ihn jetzt abzuhängen. So legte ich mir einen Plan zurecht, während wir in die Abfahrt Richtung Mautstation stürzten.

Als Erstes musste ich Abstand zwischen mich und De Marchi bringen. Bereits am Jaufenpass war klar, ich war der bessere Abfahrer. So konnte ich in der Abfahrt zum Anstieg zur Mautstation schon 80 m zwischen uns bringen.
Zum Zweiten ließ ich ihn die letzten Körner beim Zufahren des Lochs verschießen. So hatte er gut Laktat in den Beinen.
Als letztes kam der Todesstoß. Sobald er mein Hinterrad erreichte, drehte ich nochmal voll auf um meine letzten Körner zu verschießen.
Ich betete das es reicht, denn er war sehr stark.

Doch es klappte, er ließ reißen und als ich das merkte, schaltete ich nochmal 2 Gänge härter.
Brutale Schmerzen durchfluteten meine Beine. Der Abstand wird größer. Jetzt bestimmte nur der Kopf das Tempo. Ich wollte den Sieg so sehr, dass ich alle Schmerzen ignorierte. Es ging durch die Mautstation und hinein in die Abfahrt. Ich riskierte wirklich alles. Legte mich sogar auf Oberrohr und fuhr, bis die Reifen rutschten. Immer wieder der Blick nach hinten ob De Marchi aufholte.

Am Ortseingang Sölden war die Straße von Menschen gesäumt. Krämpfe plagten mich, ich war viel zu weit über mein Limit gegangen. Ich konnte jedoch nicht rausnehmen, zu groß war das Risiko, das De Marchi mich einholt.

Kurz vor der Abzweigung ins Ziel beendete ich meinen Kampf, spürte, wie 200 Tonnen Gewicht von meinen Schultern fielen. Die ganze Arbeit und Entbehrungen hatten sich wirklich ausgezahlt, unfassbar. Ich bog ab und fuhr über die Brücke, der Jubeln der Zuschauer ist unglaublich. Als ich durch den Zielbogen fuhr, ging mein Traum in Erfüllung. Gewonnen mit Streckenrekord.

Kann mich bitte jemand wecken?
„Wir haben es geschafft Schatz“, flüsterte ich Carmen zu und gab ihr einen Kuss.
Dann wurde ich von Reportern und Zielsprecher zum Interview geholt.
De Marchi kam 01:23 Minuten hinter mir ins Ziel. Dritter Platz wurde Tommaso Elettrico

Erst am nächsten Morgen konnte ich es WIRKLICH glauben. Noch oft musste ich an diesem Tag den Pokal in die Hand nehmen, um mir selber zu zeigen, dass es wahr ist.

Liebe Grüße

„Dein“ Mathias Nothegger



Zusammengefasst:
Ötztaler Radmarathon 2019 gewonnen –  238km und 5.500 hm

Strecke:
Sölden (1.377 m) – Längenfeld – Umhausen – Oetz (820 m) – Kühtai (2.020 m) – Kematen (610 m) – Völs – Innsbruck (600 m) – Sonnenburgerhof – Schönberg – Matrei am Brenner – Steinach am Brenner – Gries a. Brenner – Brenner (1.377 m) – Sterzing – Jaufenpass (2.090 m) – St. Leonhard im Passeiertal – Timmelsjoch (2.509 m) – Sölden (1.377 m).

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